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Kolumne: Das Ende von Mobbing.

Kennt ihr diese Art von Worten, die umso öfter man sie sagt, umso merkwürdiger klingen? Krümel oder Fussel sind zwei davon. Fussel. Fussel. Fussel. Irgendwann hört es sich schon gar nicht mehr wie ein echtes Wort an. Genau so fühle ich momentan, wenn ich das Wort Mobbing höre. Mobbing. Mobbing. Mobbing. Moooooooobbing. Was ist das überhaupt für ein Wort? Hört sich Englisch an, aber im englischen existiert es gar nicht, da heißt das Bullying. M – O – B – B – I – N – G. Das Wort hört sich fast schon lustig an, obwohl das was damit verbunden ist alles andere als lustig ist.

Überall liest man es, hört es und hört Menschen darüber sprechen, aber ändert sich wirklich was an der eigentlichen Sache?

So lange ich diesen Blog schon schreibe, solange schreibe ich über meine Erfahrung, die von Mobbing und Erniedrigung geprägt wurden. Egal wie schmerzhaft eine Erfahrung war, egal wie peinlich es sich angefühlt hat darüber zu sprechen, ich habe es getan. Zuerst meine Geschichten, dann die meiner Follower. Die von Schwulen und Lesben, die von Behinderten und die von Flüchtlingen.
Ich dachte, wenn man Menschen darauf hinweist und ihnen zeigt, wie es sich auf der anderen Seite anfühlt – auf der Seite des emotional vergewaltigten, des gepeinigten und ausgeschlossenen, würde es aufhören. Es würde Verständnis geben und Respekt vor Menschen. Mein Traum war es immer, dass Menschen sehen, dass anders sein nicht immer gleich etwas sein muss, wofür man sich schämt und was man verstecken muss. Mein Traum war es immer, dass Menschen stolz auf das sind, was sie anders und besonders macht und sie das als ihre Stärke sehen und dass durch das Teilen dieser Geschichte Menschen mehr über ihr Verhalten nachdenken und einfach ein bisschen aufmerksamer miteinander umgehen.

Aber ich glaube nicht mehr daran, dass man Mobbing aus der Welt schaffen kann, weil Menschen nicht darauf verzichten wollen. Sie können es gar nicht, weil sie sich oft gar nicht bewusst sind, dass sie eigentlich die sind, die selber mobben und weil es für manche von uns die einzige Art ist sich besser zu fühlen. Nicht als andere, sondern als sie selber.

Das Feedback auf solche Texte, war meist gut und die Leute stimmten mir zu, was aber hauptsächlich daran lag, dass sie selber in der Position des darunter leidenden waren. Was also wenn man Mobbing gar nicht los wird, wenn man nicht mindestens einmal selbst Opfer eines solchen Vorfalls wird? Was ist wenn man erst dann sensibilisiert genug ist um zu wissen, wie verletzend das sein kann, wenn jeder mal gemobbt wurde?

Ich erinnere mich an einen Auftritt im Frühstücksfernsehen, wo ich genau über so etwas gesprochen habe und ich erinnere mich an einen Kommentar im Internet:

„Ich lebe auch so wie ich will. Jeder soll ja so sein, wie er will, aber warum SO sein? Warum eine Krone und die komischen Kostüme“

Mit anderen Worten: „Jeder soll sein, wie er will, aber nur so lange die Person so ist, wie ich und nicht anders“

Das ist für mich ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen sich gar nicht bewusst sind, wenn ihr Verhalten nicht richtig ist. Wenn ich mir angucke wie die Hate Kommentare auf meinem Profil aussahen, als ich anfing mit diesem Blog, hatten sie vor allem gemeinsam, dass die Personen sich bewusst waren, dass ihre Worte verletzend waren und ihre Profile deswegen unkenntlich waren. Wie oft wurde ich schon von einem anonymem Katzenprofil gedemütigt. Ich kann es gar nicht mehr zählen. Heute sieht das anders aus, die Leute verstecken sich nicht mehr. Sie lassen ihren Worten freien Lauf und das alles unter ihrem Namen und mit Foto. Jeder soll es wissen und nachlesen können, was die Person denkt. Es ist Ok jemand anderen zu beschimpfen, nein es ist sogar viel mehr ihr gutes Recht geworden!

„Man wird ja wohl noch seine Meinung äußern dürfen. Wenn man schon nach Aufmerksamkeit schreit muss man auch damit umgehen können, wenn es Menschen gibt, die das nicht toll finden“

Aber jemand anderen zu beschimpfen, ihn zu demütigen und damit gleich auch noch ganz viele andere Menschen zu verletzen, ist in keinster Weise eine Form von Meinungsäußerung, sondern bleibt einfach gemein und nicht richtig.

Gerade im Internet sind die Menschen so sehr darauf getrimmt die Fehler an anderen Menschen zu suchen. Eine falsche Aussage und die Leute nutzen die Gelegenheit um der Person ihre Lektion zu erteilen. Aber was ändert das? Hat ein Shitstorm jemals schon dem Betroffenen etwas beigebracht? Außer vielleicht weniger zu posten? So wichtig Diskussionen über cultural appropriation auch sind, hat jemand anderen im Internet zu beschimpfen, Rassismus minimiert?

Jemanden im Internet zu beschimpfen hat nämlich den selben Effekt wie jemanden im wahren Leben anzuschreien. Selbst, wenn die Person es verdient hätte, weil sie beispielsweise etwas Dummes gemacht hat, wird sie höchstens eingeschüchtert aus der Situation rausgehen, aber nicht wirklich etwas gelernt haben oder verstanden haben warum ihr Verhalten falsch war.

Aber selbst das weiß man nur, wenn man selber schon mal in der Situation war, einen shitstorm auszuhalten zu müssen, was die meisten Menschen ja glücklicherweise nicht zu erleben brauchen. Was also tun? Alles sein lassen? Natürlich nicht.

Ich mag verstanden haben, dass Mobbing abzuschaffen nicht funktionieren wird, wenn man also schon daran nichts ändern kann, kann man vielleicht versuchen stattdessen den Menschen, die gemobbt werden mehr Dinge mit auf den Weg zu geben, die sie solche Situationen durchstehen lassen.

Ich hab immer geglaubt, dass Mobbing eine Phase ist, die irgendwann vorüber geht. Irgendwann findet man Gleichgesinnte und guckt mit Ihnen auf die Vergangenheit und hat genug Abstand dazu, aber das mag nicht immer stimmen. Natürlich, mein Leben ist toll – ich bin umgeben von Menschen, die mich lieben und bewundern, manche sogar verehren – aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Beleidigungen, verachtende Blicke oder auch einfach die alltäglichen Steine, die einem in den Weg gelegt werden, bloß weil man anders aussieht, verschwinden – ich habe bloß gelernt damit umzugehen. Zu sich selber zu stehen und den Dingen, die man mag erfordert heute noch viel mehr Mit als jemals zuvor, weil man permanent be- und verurteilt wird. Unterscheidet sich dieses wahre selbst von den Menschen im persönlichen Umfeld, ist das für viele oft ein Ding der Unmöglichkeit. Und an dieser Stelle, will ich euch etwas nahe legen, dass mir immer geholfen hat und das ich hier auch schon oft erzählt habe:

Man darf nicht aufschieben wer man ist – nicht den Gedanken hegen „erst wenn ich fertig bin mit der Schule“ oder „erst wenn ich weggezogen bin“ – weil es für manche von uns niemals aufhören wird. Umso eher wir verstehen, dass es nicht unsere Aufgabe ist allen Menschen gerecht zu werden, umso eher können wir uns darauf konzentrieren unsere Träume zu leben und einzig und allein dadurch, dass wir das tun, ermutigen wir auch andere Menschen in unserem Umfeld zu sich selber zu stehen.

Mobbing wird dadurch nicht weniger, aber weniger Opfer gibt es dadurch vielleicht trotzdem. Rauszufinden wer man ist, ist schwierig, wenn man aber einfach darauf vertraut was einen glücklich macht und dabei niemand anderen schadet, kann das nur der richtige Weg sein. Und Menschen, die diesen Weg gehen sehen vielleicht alle anders aus, werden aber zu Persönlichkeiten die ihre Entscheidungen selber treffen und irgendwann zufrieden sind und zufriedene Menschen sind viel zu sehr damit beschäftigt ihr Leben zu LIEBEN, als andere fertig zu machen. So einfach diese Worte auch klingen mögen, so wahr sind sie und und ich kann nur einmal mehr hoffen, dass sie sich jemand zu Herzen nimmt, der noch vor der selben Entscheidung steht, die ich mit vier Jahren getroffen haben:

Will ich jemand sein, der einen Weg geht, bei dem ich mich verstellen muss oder will ich jemand sein, der ich wirklich bin und dafür vielleicht auch mal den ein oder anderen Stein aus dem Weg räumen?

Wie ich mich entschieden habe, wisst ihr ja – ich hoffe das erleichtert euch die Wahl.

 

photos by lecamromain.com  / Halskette: Vivienne Westwood / Jacke H&M / fotografiert in der P7 Gallery Berlin



5 Antworten zu “Kolumne: Das Ende von Mobbing.”

  1. Kiddy sagt:

    Super schön und emotionaler Text
    Danke dafür ich musste beim Lesen an meine Schulzeit denken (omg ist das lange her) gab es da schon das wurd mobbing ich denke nicht weis aber auch nicht ob ich die gewsen bin die gemobbt hat oder gemobbt wurde schon der Satz zeigt das ich das glück hatte nie ein shitstorm abbekommen hab aber steine in den Weg gelegt wurden mir oft wegen meiner Hautfarbe nennt man das mobbing? Ich hab gott sei Dank ein mega selbstbewusstsein😁ich weiß wer ich bin und ich lieb mich so fast immer 🤔danke für deinen offen worte hat mich zu nach denken gebracht hör bitte nicht auf leute zu denken anzuregen ist schwer aber wenn nur einer was verstanden hat ist es ein Erfolg dein Erfolg 💖

  2. Jade sagt:

    Ich bin sprachlos… deine Worte, einfach alles was du gesagt hast, das müsste die ganze Welt hören ✋🏻 Du bist ein ganz ganz wundervoller Mensch und dein Text sprudelt vor Motivation!!! Wenn das nur ein „Opfer“ und einen „Mobber“ auf einen besseren Weg bringt wäre das schön, aber ich denke du schaffst es, noch viel mehr Leute zu erreichen !! 🙂 viele liebe Grüße ! ❤️ Eine stille Instagram followerin 🙂

  3. Katja sagt:

    lieber Riccardo,
    Vor einigen Tagen habe ich dir via Instagram eine Nachricht geschrieben.ich absolviere momentan eine Psychotherapie,die ich in zwei Wochen beenden werde. Einer der wichtigsten Punkte in dieser Therapie ist:du kannst keine Menschen ändern,aber du kannst DEINEN Umgang mit Menschen ändern, die dir nicht gut tun. Und du kannst dir Menschen zum Vorbild nehmen,die dir zeigen,wie man in bestimmten Situationen anders reagieren kann,als du es selber tust. Ich lerne im Rahmen dieser Therapie,mich in sogenannten Hochstress Phasen wieder runterzufahren,damit ich wieder klar und strukturiert denken kann. Einer dieser sogenannten“skills“ ist der „Held des Alltags“…das kann eine Person aus deinem Umfeld sein,oder auch eine fiktive Figur oder auch jemand,den du einfach für seine Art bewunderst. Mein Held des Alltags bist du. Es ist nicht deine Art,dich zu kleiden,nicht deine Prominenz. Es ist der Umgang mit kleinen Fehlern. Es ist das Zeigen deiner ständigen Stürze 😉,es ist der Umgang mit kleinen Fehlern…es ist die Selbstverständlichkeit,mit der du auch deine (für mich bsolut liebenswerten) Schwächen zeigst und darüber lächelst.und dafür danke ich dir…deine Katja… Oder auch #curvesofchange😎✔

  4. Pazi sagt:

    Lieber Ricci,

    wirklich sehr wahre Worte, die du da schreibst. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich noch nie wirklich gemobbt wurde, trotzdem war und bin ich immer sehr sensibel wenn es darum geht, wie mit anderen Menschen umgegangen wird. Ich kann es nicht ertragen, wenn Personen gehänselt, geärgert, gemobbt oder gedemütigt werden. Ich finde es schön, dass du auf dieses Thema immer wieder aufmerksam machst. Mobbing wird wahrscheinlich nie komplett aufhören aber es hängt – wie mit so vielen anderen Dingen im Leben – viel mit Aufklärung und Erziehung zusammen. Man sollte es viel öfter thematisieren, man sollte den Mobbern zeigen, wie das „Opfer“ sich fühlt und man sollte den Gemobbten zeigen, wie man damit umgehen kann und dass sie nicht alleine sind. Ganz besonders wichtig finde ich auch einen gesunden Rückhalt von der Familie und/oder den Freunden zu bekommen. Hätte ich nicht so viel Liebe von meiner Mutter erfahren, wäre ich nicht zu dem wahnsinnig starken und selbstbewussten Menschen geworden, der ich heute bin. Ein gesundes Selbstbewusstsein schützt in gewisser Weise auch vor Mobbing.

    Ich schick dir ganz ganz liebe Grüße,

    Pazi

  5. Miri sagt:

    Eine mobbingfreie-Welt klingt traumhaft u. utopisch. Wie schon in der aktuellen Kolumne schlussgefolgert wird, brauchen Menschen das, andere runterziehen, demütigen, diskreditieren,.. um ihr eigenes Leben in einem besseren Licht zu betrachten, sich besser zu fühlen. Der Gedanke dahinter ist eigentlich sehr traurig, oder? Es ärgert mich so kolossal wenn Leute auf ihre äußerlichen Merkmale reduziert werden. Was ist nur los mit uns?

    Ich bin kein Fan u. tatsächlich bin ich eher aus Zufall auf diese Seite gelangt. Aber ich gestehe ich war schnell erstaunt u. inspirieret. Nicht wegen deinem äußerlichen Auftreten (aber ja, du hast schon sehr schönes Haar) sondern, weil ich mir fast alle deine Kolumnen in einer Nacht durchgelesen habe u. man in jeder den Schmerz rauslesen könnte aus dem du was Positives gemacht hast. Natürlich können das viele, aus einer schlechten Erfahrung das beste draus machen aber etwas wirklich Positives zu konstruieren, ist doch eine Gabe. Wie jeder Mensch kämpfe ich auch mit dem ein oder anderen Schicksalsschlag aber ich hab es bis jetzt noch nicht geschafft etwas Positives draus zu machen nur „das beste aus einer Situation“…

    Was mich zu der Frage bringt, ob du (Riccardo Simonetti) nicht mal Lust hättest ein Gastvortrag zu halten. Ich bin Diversity-Referentin beim Asta u. organisiere dadurch öfter mal kleinere Events u. Gastvorträge.
    Da Leute ihre Geschichten gern in einem geschützten Umwelt erzählen u. das nicht am Ende zu einem Fanauflauf enden sollte, würde alles sehr klein, sehr anonym u. wirklich nur mit Leuten die von ständiger Diskriminierung betroffen sind stattfinden.
    Keine Ahnung, ob dich sowas anspricht, ob du überhaupt antwortest aber ich glaube du hättest einen Lawineneffekt.
    Liebe Grüße Miri

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