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Kolumne: Für das Ich, das ich vor 5 Jahren war.

Ich habe den vergangenen Monat damit verbracht einen Film zu drehen – eine Dokumentation über mein Leben, wenn man so möchte und als mich die Regisseurin am letzten Drehtag fragte, was ich mir denn wünschen würde dachte ich über meine Träume nach. Jeder, der mich kennt oder auch nicht, sieht was ich mir wünsche und wenn dem nicht so ist, dann tue ich alles daran sie wissen zu lassen, was es ist. Madonna sagte mal, dass manche Menschen im Leben niemals bekommen werden was sie wollen, weil sie nie sagen was sie wollen – ich schätze genau so etwas wollte ich immer vermeiden. Was ich jedoch nicht vermeiden will ist die Realität, in der wir leben.
In den letzen Jahren scheint sich mein Leben nach außen hin sehr verändert zu haben – in meinem Inneren hat sich jedoch eigentlich nie wirklich was verändert, außer vielleicht das Gefühl von Dankbarkeit, das ich verspüre, weil es mir gelungen ist die Realität, die in meinem Kopf schon immer existiert hat, plötzlich auch die Realität der anderen Menschen werden zu lassen. Ich empfinde es als großes Privileg in der heutigen Zeit den Menschen ausleben zu dürfen, der ich bin, weil es leider einfach nicht selbstverständlich ist und wenn ich mir angucke worüber ich vor fünf Jahren geschrieben habe und wie mein Leben jetzt aussieht, sind die Probleme, die darin eine Rolle spielen eigentlich immer noch die selben.
Als ich vor kurzem einen Vortrag über Mobbing gehalten habe, war es mir wichtig die Betroffenen wissen zu lassen, dass das alles Phasen sind, die wieder vorüber gehen. Auch wenn es einem in dem Moment aussichtslos erscheint, werden Zeiten kommen in denen sich das Blatt wendet und man Gleichgesinnte findet, die einen schätzen für die Eigenschaften, für die man von anderen kritisiert wird – wichtig ist dabei nur, dass man an sich arbeitet, denn das ist die Person, die nach dieser Phase immer noch da ist und das sollte dann jemand sein, den man mag.

Wie sollen wir aber wissen wer wir sind, was wir wollen oder wohin wir gehören, wenn einem in der heutigen Zeit gar nicht mehr erlaubt wird eine individuelle Persönlichkeit zu entwickeln?

Und wenn man das tut, muss man bereit sein zu kämpfen – manche von uns haben die nötige Stärke um diesen Kampf aufzunehmen, entweder weil ihnen das Ziel vor Augen als Motivation gilt oder weil sie einfach von Natur aus stark sind. Aber was ist mit denen, die es nicht schaffen diese Stärke aufzubringen? Ich verurteile niemanden, der es bevorzugt einen Weg zu gehen, der einfacher ist, aber beinhaltet, dass man zu einer Person wird, die man nicht ist. Das ist normal und das machen die meisten. Aber manche Menschen können das, was sie ausmacht – anders oder besonders macht, einfach nicht verstecken und wenn sie nicht stark genug sind um sich ihr Recht darauf anders zu sein zu erkämpfen, verkümmern sie. Sie werden zu Sonderlingen oder vielleicht sogar bitter und manchmal auch zu der Sorte Mensch, die sie dazu gebracht hat so zu werden.
Als wir während des Drehs in Berlin auf dem Weg zu einem Event waren und ich an einer Ampel stand, ließ ein Autofahrer sein Fenster herunter um mich mit homophoben Bemerkungen zu beschimpfen und die Tatsache, dass mit dabei ein Filmteam war, das ihn dabei einfing, schien ihn überhaupt nicht zu stören. Es war als wäre es absolut sein Recht mich zu beleidigen, weil es das heute so schockierend sich das anhören mag, auch irgendwie ist. Dank Social Media ist es total ok ständig korrigiert, zensiert, verbessert, beleidigt oder beschimpft zu werden. Wir halten uns alle für Richter und verurteilen die Entscheidungen von anderen Menschen, fällen unser Urteil anhand von Bildern und wundern uns dann wenn sich dieses Verhalten in den Köpfen der Menschen so verankert, dass es absolut normal ist Leute, die anders sind auf der Straße zu beschimpfen. Das ist es aber nicht und in dem Moment, in dem ich begriff, dass nicht mal eine Kamera – die stellvertretend für die Welt in der ich mich bewege, die immer mein Schutzmantel war, einen davor beschützen konnte, zeigte mir dass es vielleicht doch nicht immer Phasen sind.

Was wenn das immer so sein wird? Was wenn Menschen, die anders sind immer als Hexen bezeichnet werden und mit Mistgabeln aus der Stadt gejagt werden sollen?

Ich dachte darüber nach und begriff dass ich längst das Superstar-Leben leben durfte, von dem ich immer träumte, aber wie viel würde das bedeuten, wenn der Junge, der ich vor fünf Jahren war immer noch nicht die Straße entlang gehen kann ohne beschimpft zu werden? Um noch einmal das Privileg aufzurufen, von dem ich weiter oben schon gesprochen habe – ich habe mir ich selbst sein hart erarbeitet und es ist heute irgendwie Ok, weil ich eine Welt mein Zuhause nenne, in der das möglich ist, aber was ist denn mit den Menschen, die davon träumen sie selbst zu sein und trotzdem in ihrer kleinen Stadt leben wollen und vielleicht einen normalen Job haben wollen? Was ist mit den Menschen, die keine Stars werden wollen, aber trotzdem nicht zurückhalten wollen, wer sie sind? Diesen Menschen wird das nicht erlaubt.
Mich fragen die Leute oft was es für mich bedeutet ein Superstar zu sein und ich rufe mir dabei immer das Bild eines echten Stars ins Gedächtnis. Sterne sind Fixpunkte, die nicht anders können als zu leuchten und damit anderen Menschen den Weg zu weisen, ihnen Orientierung und Licht zu spenden, in der tiefsten Dunkelheit. Das ist für mich was einen wahren Superstar ausmacht und als jemand, für den immer nur ein Weg in Frage kam – nämlich der, der es möglich macht man selbst zu sein, auch wenn er sehr steinig sein mag – kann ich nur sagen, dass ich es als meine Pflicht empfinde etwas von dieser Stärke abzugeben. Und ich finde jeder, der auch nur ein bisschen Stärke dieser Art in sich trägt, sollte versuchen sie dafür einzusetzen andere stärker zu machen. Wenn schon nicht für sie, dann wenigstens stellvertretend für das ich, das man vor fünf Jahren war.
Im letzten Jahr habe ich eine Aktion ins Leben gerufen, bei der man durch den #IamStrongerThanBullying eine persönliche Erfahrung mit Mobbing teilt – egal ob man selber gemobbt wurde oder dabei beteiligt war jemand anderen auszugrenzen. Egal ob das im Erwachsenen oder Teenie-Alter war und ich würde mich freuen, wenn die Aktion durch ein paar eurer inspirierenden Geschichten bereichert werden würde.

Photos by Stefanie Thiele, Hamburg 2018

Jacke – Vintage
Jeans – Cheap Monday
Schuhe – Vagabond
Brille – Acne
Shirt – Urban Outfitters



4 Antworten zu “Kolumne: Für das Ich, das ich vor 5 Jahren war.”

  1. Michelle Jesumann sagt:

    Ich wünschte es gäbe so viel mehr Menschen wie dich.
    Du bist so erfrischend ehrlich
    Versteckst deine Gedanken nicht
    So ein freund wie dich zu haben, ist ein Privileg
    Jemand der einen auffängt in Zeiten in denen man sich am liebsten selbst fallen lassen würde
    Danke
    Einfach nur danke, dass es dich gibt

  2. das an der kreuzung ist heftig.. und ernüchternd. ich weiß noch genau, als ich dich bei vox sah und dachte: na schau wie toll, der macht einfach, was er will! – finde es super, dass du diese message weiterhin in die welt trägst, ricci aus der zukunft 😉 – 2018?

  3. Veronique sagt:

    Ich finde es echt schade, dass es nicht mehr Kommentare zu diesem Post gibt. Ich lese zwar meistens nur deine Kolumnen,sie sind echt sehr wahr und manchmal recht aufwühlend. So wie diese hier.
    Sehr gut fand ich den Ausschnitt unten. Es war immer mein Ziel zu kämpfen, aber dann schafft man es irgendwann nicht mehr. Ja, und dann fühlt man sich wirklich verkümmert.

    Aber was ist mit denen, die es nicht schaffen diese Stärke aufzubringen? […] Aber manche Menschen können das, was sie ausmacht – anders oder besonders macht, einfach nicht verstecken und wenn sie nicht stark genug sind um sich ihr Recht darauf anders zu sein zu erkämpfen, verkümmern sie. Sie werden zu Sonderlingen oder vielleicht sogar bitter […]

  4. Hallo Riccardo,

    Ich habe schon einige deiner Blogs gelesen. Dieser hier geht mir aber besonders ans Herz.

    Ich bewundere dich sehr für deine Stärke zu kämpfen.Dafür zu kämpfen, dass zu sein, was du magst oder vor allem, der zu sein, der du magst.

    Wer möchte man sein und ist man stark genug dazu zu kämpfen, um das zu sein, was man sein möchte.

    Ich Kämpfe schon Jahre…wirklich viele Jahre, das sein zu dürfen, was man sein möchte. Bin ich schon angekommen, wo ich sein möchte oder nicht? Ein Frage, die noch nicht bejahen kann.

    Ich kämpfe weiterhin, vor allem so angenommen zu werden, wie ich bin. Oft sehr offen, manchmal auch verschlossen. Nicht immer einfach, aber einfach kann jeder. Sich selber zu mögen, nur dann können auch andere einen mögen. Sich selbst zu lieben, nur dann können auch andere einen lieben.

    Vor allem kämpfe ich seit Jahren um die Liebe.

    Gibt es Menschen, die einen dafür lieben, was man ist bzw wer man ist. Muss man einer Norm entsprechen? Nein!

    Wer entspricht schon einer Norm.

    Ich liebe Menschen, die anders sind als andere. Das sind die interessanten Menschen, Menschen wie du.

    Du bist eine tolle Persönlichkeit und denke, dass du genauso fabelhaft bist, wenn du in nem Jogger daheim auf dem Sofa runlungerst, wie du auch fabelhaft bist, wenn man dich in der weiten Welt wahrnimmt.

    Damit würde ich meinen Kommentar auch enden lassen, weil es tolle Worte sind.:-*

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