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Kolumne: Von der Angst schwul zu sein und dem CSD.

Da der Juni auch als Pride Month bekannt ist und der Christopher Street Day weltweit gefeiert wird, würde ich gerne ein paar Gedanken zum Thema Homophobie äußern.
Viele Menschen denken Homophobie würde sie nichts angehen, weil sie nicht homosexuell sind und sogar Homosexuelle interessieren sich oft nicht dafür, weil sie in einem Umfeld leben, das sie akzeptiert, aber das kann nicht jeder behaupten und solange Menschen noch Angst davor haben sich zu outen und sie selbst sein zu dürfen, ist dies ein Thema, das wie Feminismus jeden von uns etwas angeht.
Ich komme gerade aus einem super langen Gespräch mit einem Fan, den ich am Flughafen getroffen habe und der mir unter Tränen erzählt, dass er sich nichts sehnlicher wünscht als ’normal‘ zu sein, weil die Angst, die er hat, wenn sein Umfeld erfährt, dass er schwul ist so groß ist. Sein Name ist Marius. Er ist 16 Jahre alt und ein ganz typischer Teenager und schildert mir eine Geschichte, die ich so gut, wie jeden Tag erzählt bekomme und die meist alle im selben Zustand enden. Glücklich sein.
Als ich meine Follower bat mir ihre Coming Out Geschichten zu erzählen, hatten die meisten eines gemeinsam – am Ende wird alles gut. Ich weiß, so etwas ist immer leicht gesagt und hört sich an, wie eine abgedroschene Floskel aus einem Märchen, aber das ist es nicht – es ist der Zustand, an den jeder irgendwann kommt, der erkennt, dass es wichtiger ist sein selbst auszuleben und nicht mehr eine Rolle zu leben, die einem von der Gesellschaft aufgedrückt wird – ob man dabei schwul, lesbisch, bi- oder transsexuell ist oder in irgendeiner Form anders ist, spielt überhaupt keine Rolle. Was allerdings nicht märchenhaft ist, sondern viel zu real, sind die Gefühle der Angst, die jeder einzelne von ihnen durchlebt, bis man an den Zustand kommt, an dem man sein eigenes Leben in die Hand nimmt und der ist, der man nun mal ist.
Man hat Angst, die man in Marius Augen deutlich sehen kann – Angst davor, dass alles kaputt geht, das einem die eigene Persönlichkeit aberkannt wird und man nur noch als „der Schwule“ durchs Leben geht. Hat Angst davor, dass die eigene Familie sich von einem abwendet und dass alles, was man kennt zerbricht. Man hat Angst davor die Person zu sein, die man ist und das Leben zu führen, das einem bevor steht.
Jung zu sein ist schon schwierig genug, aber während alle anderen Menschen Fehler machen dürfen, experimentieren und ihre ersten Erfahrungen machen, bleibt den meisten homosexuellen Teenagern, diese Chance verwehrt. Natürlich – lebt man in einer Grossatadt – ist dieses Gefühl von Angst vielleicht kleiner, weil man weiß es gibt Alternativen – man findet schnell gleichgesinnte und so etwas, wie ein Schul- oder Arbeitswechsel kann manche Probleme und Ängste auch beeinflussen – das sind aber Privilegien, die die meisten Menschen nicht kennen, die nicht gerade in Berlin Mitte aufwachsen und dazu gezwungen sind mit dem Umfeld klarzukommen, in welches sie hineingeboren werden. Dass man dann Angst bekommt in der Klemme zu stecken, wenn man gefühlt der einzige Mensch zu sein scheint, der nicht ist, wie alle anderen, kann man wohl kaum jemandem verübeln, oder?
Diese Angst ist aber total prägend und ist meiner Meinung nach der einzige relevante Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Menschen, denn während die meisten Menschen mit Abschluss der Schule schon so gut wie alle ihre ersten Erfahrungen gemacht haben, teilweise Beziehungen geführt haben oder zumindest schon ihr Leben lang vorgelebt bekommen haben, wie ein heterosexuelles Leben aussieht, sind Menschen wie Marius oft noch an dem Punkt, an dem sie sich total alleine fühlen und auch niemanden kennen, der ihnen vorlebt, dass auch homosexuelle Menschen ein tolles Leben haben können, das sich oft überhaupt nicht von dem Leben von heterosexuellen unterscheidet.
Hinzu kommt, dass kein heterosexueller Mensch sich jemals für seine sexuelle Orientierung rechtfertigen muss – es wird nicht hinterfragt, weil es normal ist. Und wie ist das bei Schwulen oder Lesben? Von denen wird ein Coming Out erwartet, bevor sie überhaupt jemals eine Beziehung geführt haben. Menschen fragen die Eltern, ob es denn stimmt, dass die Tochter oder der Sohn “am anderen Ufer“ schwimmt. Man soll der Großmutter erklären, dass man wohl kein Mädchen nach Hause bringen wird und hat das Gefühl die eigene Sexualität gehört einem nicht mehr, sondern jeder hätte ein Recht darauf daran teilzuhaben. Dem ist aber nicht so. Und auch wenn die meisten Menschen im persönlichen Umfeld gut reagieren ist die Angst davor, dass sie es nicht tun lähmend und echt.
Das alles ist nur ein winziger Auszug aus dem Alltag, der auf viele Menschen jeden Tag Angst ausübt und ich schreibe diesen Text nicht um irgendwelche Moralvorstellungen loszuwerden, aber um vielleicht ein bisschen Verständnis aufzurütteln.
Ich selber werde oft gefragt was ich vom CSD und der damit verbundenen Parade halte und ob ich der Meinung bin, dass sie für die Akzeptanz von Homosexualität nicht eher kontraproduktiv ist. Bunt verkleidete Menschen, die mit Dildos durch die Stadt laufen und Kondome von einem Truck werfen mögen vielleicht nur einen Mikrokosmos der homosexuellen Welt darstellen – sind aber meiner Meinung nach total wichtig um zu zeigen, dass man „so schwul sein kann, wie man will und dass es ok ist“ und für diejenigen, die das nicht verstehen: Ich würde gerne ein paar Bilder vom Karneval in euren Köpfen erscheinen lassen, da springen die Menschen auch in Kostümen herum und zeigen zu viel Haut und sind vulgär und alle wissen, dass sie im Alltag anders sind – und es ist ok, weil Menschen so sind. Gebt ihnen Musik, Alkohol und eine Party und die meisten werden geschmacklos, aber das ist Wasser auch und ein jeder von uns braucht es um zu überleben.
Ich möchte damit sagen, dass selbst wenn es nicht unser Ding ist oder wir das Gefühl haben, es würde uns nicht betreffen, alle die Pflicht haben Menschen das Gefühl zu geben nicht alleine zu sein, statt Ihnen noch mehr Steine in den Weg zu legen. Alles was hilft Homophobie zu minimieren und anderen das Gefühl von Zugehörigkeit zu vermitteln ist etwas, das auf unserer Support Liste oben stehen sollte, denn auch wenn wir es nicht sehen, wird damit jedem Menschen, wie Marius, ein kleines Stückchen Angst genommen, weil einem vorgelebt wird man müsse sich nicht verstecken.
Wenn wir aufhören würden ständig Menschen an ihrer Sexualität zu messen und ihnen die Chance geben mehr zu sein, als ein gesellschaftliches Label, dann können wir vielleicht eine Zukunft schaffen, in der man keine Angst mehr davor haben muss die Person zu sein, die man ist.
Photos by Felix Grimm (click here for website and here for his Instagram)



4 Antworten zu “Kolumne: Von der Angst schwul zu sein und dem CSD.”

  1. christophe kerschen sagt:

    Danke Riccardo? Ich hab mich gerade gefragt ,wo ich jetzt wäre wenn ich dich nicht damals im Fernsehn gesehen hätte.Dankeee❤️❤️❤️?

  2. Jana Hochgrebe sagt:

    wow. Ich denke du kannst mit Stolz und gutem Gewissen von dir sagen ein guter Mensch zu sein und die Welt zu einem ein klein bisschen besseren Ort gemacht zu haben.
    Ich weiß noch nicht besonders viel über dich, aber ich bin verdammt beeindruckt von deiner Art dich auszudrücken und deiner Erlichkeit. Tolaranz und Akzeptanz sind so wichtige Werte, die heutzutage nicht so in die Tat umgesetzt werden, wie sie nötig wären. Also vielen Dank für deine schönen Worte 🙂

  3. Martina sagt:

    Lieber Riccardo,

    ich lese deine Blogposts so gerne! Nicht nur weil sie inhaltlich viel ausdrücken, sondern auch wegen deines wunderschönen Schreibstils. Bei diesem Post denke ich irgendwie an „George“ von Alex Gino und frage mich ob dir eine schriftstellerische Karriere bevorliegt – natürlich neben dem Job als Fabulous Ricci. 😉 Für welches Thema du dich dabei auch entscheiden würdest, „Rising Star“ oder „Homophobie“ – ich würde ein ganzes Buch dazu von dir lesen. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

  4. Eva sagt:

    Lieber Ricardo,

    i’m totally in Love with you! Ich möchte einfach mal Danke sagen.

    Danke das du bist wie du bist und uns an deinem Leben teilhaben lässt.
    So eine positive und weltoffene Einstellung zum Leben ist wunderbar. Mit deiner ganzen Persönlichkeit setzt du ein wunderbares Statement – “ Sei so wie du sein möchtest und lass dich nicht beirren! Hör auf dein Herz „.

    Also Danke und mach weiter so! 🙂

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