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Kolumne: Von gesellschaftlichen Schubladen und dem “Sonstiges“ Etikett.

Es gibt Dinge, die keine fünf Minuten auf meiner imaginären To Do Liste stehen und die schon abgearbeitet werden – das Beantworten von Interviews beispielsweise – etwas, das da schon seit einer beachtlichen Weile steht, aber nie wirklich voran getrieben wird, ist das Aufräumen meiner Wohung. Kofferweise stapeln sich Dinge, die einfach keinen Platz finden wollen. Als ich mich neulich nach einem Wutanfall auf Grund eines einfach nicht mehr auffindbaren Blazer, endlich dazu aufraffen konnte meinem Chaos ein bisschen Struktur zu verpassen (die sich dann hoffentlich auch von meinem Schrank auf mein Leben übertragen würde), rief ich meine Mutter an und fragte, wie ich das ganze bewältigen sollte.

„Eines nach dem anderen, such dir für alles eine Schublade aus und dann sortierst du alles in die jeweilige Schublade ein“

Wirklich viel brachte mir dieser Ratschlag jedoch nicht, denn das mag bei Menschen funktionieren, deren Sachen auch in Schubladen passen – was aber wenn der Inhalt eines Kleiderschrankes über Tshirts, Pullover und Hosen hinaus reicht? Was ist mit bodenlangen Kimonos und acht Kilo schweren Stein besetzten Lederjacken? Wo ordne ich meine lebensgroße Meerjungfrauen Flosse ein? Die passt in keine Schublade … aber wenn ich für jede Kuriosität eine eigene Schublade hätte, dann wäre ja in vielen bis auf ein Teil gar nichts drin? Das ist Platzverschwendung und funktioniert sowieso nicht.

Ich beschloss das Aufräumen meines Schrankes mal wieder hinten anzustellen, dafür aber dachte ich weiter über Schubladen nach. So wie das in meinem Schrank ist, so ist das auch in der Gesellschaft. Man versucht sein Leben lang in eine der vorherrschenden Schubladen einsortiert zu werden, was aber wenn man nicht rein passt? Was wenn man eine lebensgroße Meerjungfrauen Flosse in einem Raum voller Jeanshosen ist?
Es wird eine Weile nach einem geeigneten Platz gesucht und findet man den nicht schnell genug, landet man in der „Sonstiges“ Schublade. In dieser Schublade finden sich dann all die jenigen, die nicht eingeordnet werden können. Meine Mutter würde diese Schublade in meinem Schrank am liebsten wegwerfen, weil sie sagt, dass sind alles Dinge – die ich nicht wirklich brauchen kann. Ich persönlich empfinde sie aber als die Schublade, auf die ich am stolzesten bin. Meine kleine Schatztruhe sozusagen.
Und auch wenn das hart ausgedrückt sein mag – so, wie meine Mutter gerne diese Schublade aussortieren würde, so gehen viele Menschen in der heutigen Zeit mit der oben beschriebenen Schublade um.
Wenn ich mir mein Leben bisher so angucke, dann bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich schon so früh wusste, wo mein Platz im Leben sein soll – als ich bemerkt habe, dass ich in der normalen Gesellschaft niemals wirklich ein gutes Leben führen konnte, weil ich eben keine passende Schublade finden würde, die mich schätzt, wie ich bin, wusste ich dass ich mir schnell einen Platz erschaffen müsste um mich selbst davor zu schützen in der “Sonstiges“ Schublade zu landen.
Ich bekomme unglaublich viel Lob, Respekt und Bewunderung zu geschrieben für das was ich tue – werde oft als Mutmacher, Vorbild oder als Idol gesehen und so sehr ich das genieße, so sehr bleibt auch ein bittersüßer Beigeschmack, weil ich zu 100% weiß, dass ich genau als das Gegenteil wahrgenommen werden würde, wenn ich nicht ausgebrochen wäre um mir einen Platz zu geben, sondern versucht hätte Teil des vorherrschenden Schubladensystems zu werden.
Viele Menschen akzeptieren meine Merkwürdigkeit heute, weil sie denken es würde zu meinem Job gehören mich anders zu kleiden und zu geben und weil es in ihren Augen dazu dient meine Schublade aufrecht zu erhalten ist es Ok – das war aber noch nicht immer so. Als ich beispielsweise in meiner Heimatstadt Bad Reichenhall lebte und noch zur Schule ging, war der Druck mich in eine passende Schublade zu drücken, so groß, dass es kaum auszuhalten gewesen ist. Genau aus diesem Grund war es für mich so wichtig mir mit diesem Blog und den Träumen, die ich hier aufschrieb, selbst eine Einzrittskarte auszustellen in eine Welt, die einen Jungen, wie mich für die Eigenschaften schätzt, für die ihn die normale Welt kritisieren würde.
Ich bin ausgebrochen und habe mir selber einen Platz gegeben, der es mir erlaubt ich selbst zu sein. Das ist ein Privileg, das ich jeden Tag zu schätzen weiss, vor allem weil ich auch ständig daran erinnert werde, dass all die Dinge, für die ich bewundert werde, nichts zählen würden, wenn ich versucht hätte ein Leben in den mir vorgegeben Schubladen zu führen. Wenn ich beispielsweise mal aus meiner Welt heraustrete und einen Tag, wie jeder andere – aber auf meine eigene Weise – erleben möchte, werde ich auf der Straße, in der Ubahn oder einfach in einem Club ständig daran erinnert, dass ich da einfach nicht hingehöre. Beleidigungen, Anfeindungen und Drohungen gehören dazu und wenn man diese Erfahrung macht ist es doch total natürlich, dass man sich dieser Welt auch gar nicht zugehörig fühlt und das tut, was jeder im Leben tut – nach seinem Platz suchen. Und ich fand meinen im Scheinwerferlicht – das ich mir oft auch selbst in Form meines Front Blitz auf dem iPhone gebe. Dass das nicht jeder kann und auch gar nicht möchte, der in der „Sonstiges“ Schublade steckt, ist mir auch bewusst und genau deshalb sollte man versuchen diese Schublade in der heutigen Gesellschaft als das zu sehen, was sie ist – etwas besonderes. Eine Bereicherung, eine Schatztruhe, eine Wundertüte, die so viel Potenzial in sich trägt etwas wundervolles entstehen zu lassen, wenn man nur aufhören würde anders immer gleich als Schwäche zu interpretieren. Ich persönlich war immer stolz darauf anders zu sein – genauso stolz, wie ich auf die “Sonstiges“ Schublade in meinem Schrank bin und Menschen an diese Botschaft zu erinnern, gehört genauso zu der Schublade, die ich mir gerade selber gestalte, wie all die anderen Dinge, die ich mit den Menschen teile…

Hair by Labiosthétique Paris

Photos by Elena Breuer

red Pants – Topshop
black Pants and silver shirt – H&M
Coat and Hat – Vintage
Sunglasses – Ray Ban
Boots – YSL 



Eine Antwort zu “Kolumne: Von gesellschaftlichen Schubladen und dem “Sonstiges“ Etikett.”

  1. Madeline sagt:

    Spread the love ricci ❤

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