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Kolumne: Von Popkultur als Religion.

Was für die Juden Jerusalem ist, ist für mich Hollywood und jedes Mal, wenn ich ein bisschen Zeit dort verbringen darf, fühlt sich das für mich an, wie eine Pilgerfahrt. Juden, Christen, Muslime oder Buddhisten – so unterschiedlich Religionen sind und so oft sie an einander geraten, so haben sie doch alle eines gemeinsam: Sie schenken den Menschen Hoffnung, Glaube und Trost, geben wegweisende Regeln und vereinen ihre Anhänger in dem Gefühl von Zugehörigkeit.

All diese Werte wurden mir von etwas vermittelt, das auf den ersten Blick so gar nichts mit Glauben zu tun hat – Popkultur.

Wie in der Kirche auch so genannte Ikonen als Leitfiguren gelten, so nehmen auch die Figuren von Popkultur den Status von Heiligen ein – uns viel besser bekannt als „Superstars“. Bevor ich gleich als blasphemische Schreckensgestalt verurteilt werde, für die Marilyn Monroe in etwa den selben Stellenwert hat, wie die Jungfrau Maria, möchte ich erklären, wieso Popkultur für mich so wichtig geworden ist.

Als Junge, der auf eine christliche Privatschule gegangen ist im Herzen von Bayern, hat man es nicht unbedingt leicht, wenn man sich in irgendeiner Form von dem Fußball spielenden Stereotyp Mann unterscheidet – ist man eher die Sorte Pailletten tragendes Showgirl, kann man sich vorstellen, wie schwierig die Suche nach Identifikationsmaterial ist. Ich bin jemand, der sich von klein auf mit der Frage beschäftigen musste, was mir wichtiger ist – ich selbst sein und dafür einen oftmals komplizierteren Weg einzuschlagen oder mich zurücknehmen um anderen zu gefallen und auch wenn ich gar nicht anders hätte können, als ersteres zu wählen, bin ich sehr dankbar, dass ich in jenem Moment meine ganz persönliche Religion für mich entdeckt habe – Pop.Wenn man sich als Kind oder Teenager alleine fühlt, macht man sich angreifbar und ist man irgendwie anders, wird einem das oft zum Verhängnis und das Gefühl von Einsamkeit wird plötzlich real. Und da in meinem Umfeld einfach niemand war, der so war, wie ich, musste ich mich um mich selber vor diesem Schicksal zu bewahren, an einem anderen Ort umsehen und ich fand ihn in einem Klatschmagazin.

Lindsay Lohan, Paris Hilton und Britney Spears waren für mich das was Jesus, Allah und Buddha für andere Menschen waren, nicht weil ich unbedingt so sein wollte, wie sie, sondern weil sie mir mein Selbstbewusstsein schenkten.
Jeden Tag, wenn ich von einem erniedrigenden Tag aus der Schule kam und in den bunten Blättern ihr Leben so verfolgte, wie heute meine Fans es auf Snapchat tun, sah ich, das überall böse Dinge über sie standen, vieles davon war sicher auch erfunden und anderes war einfach nur demütigend und dennoch machten diese Menschen das, was sie wollten, unabhängig davon, was die ganze Welt über sie zu denken schien. Ich klebte selber auch Fotos von mir in diese Zeitschriften um mir besser vorzustellen, wie sich das anfühlen würde, wenn mein Leben auch mal so aussehen wird und ich fing an meine Hand immer schützenden vor mein Gesicht zu halten, wenn ich das Haus verließ, weil in meiner Fantasie auch hunderte von Paparazzi vor meiner Haustür standen. Ich zog mich für die Schule an, wie ein Star und wenn jemand auf dem Schulhof etwas Böses darüber sagen würde, tat ich es einfach als Schlagzeile ab.

Das alles mag sich unglaublich naiv anhören, was es wahrscheinlich auch war, aber gerade dieser Naivität habe ich es zu verdanken, dass ich trotz Prügeleien, Mobbing und dem Gefühl von Einsamkeit nie den Respekt und den Glauben an mich selbst verloren habe. Egal, wie sehr mir mein Umfeld versucht hat das Gefühl sonderbar zu sein zu vermitteln, habe ich mich nie wirklich alleine gefühlt – ich hatte ja Lindsay und Britney, die in ihren Songs über „Rumors“ sangen.

„I am tired of People lying, I am sick of being followed, I am gonna live my life but not the way you want me to“

„There’s only two types of people in the world, the ones who entertain and the ones who observe“

All das das hat mir geholfen mir selber eine Bestimmung im Leben zu geben und zu erkennen, dass das was mich vielleicht in der normalen Gesellschaft anecken lässt, wo anders genau richtig sein mag.

Als ich Lady Gaga im Muschel Bikini und Netzstrumphose auf Bildern am Flughafen sah, dachte ich mir „wenn die das kann und die Menschen sie dafür lieben, ist das genau der Platz, an dem ich auch hin muss“. Ein Star zu sein war seit ich klein war alles, was ich jemals wollte, nicht nur weil das einen tollen Lebensstil garantieren würde, sondern vor allem weil ich wusste, dass es die einzige Chance ist mein persönliches Glück zu finden. Ein Star zu sein bedeutet aber vor allem auch durch sein Leuchten anderen Menschen etwas abzugeben, ihnen Orientierung zu spenden in Zeiten der Dunkelheit. Menschen zu unterhalten war für mich immer das ehrenvollste, was ich mir vorstellen konnte, weil genau das mich selber gerettet hat und zu dem Menschen gemacht hat, der das für tausende Menschen jeden Tag machen darf und jede Sekunde dankbar dafür ist.
Woran wir glauben, ist doch im Grunde egal, solange die Religion, an der wir festhalten versucht die beste Seite aus uns herauszuholen und uns dabei eines schenkt: den Glauben an uns selbst – ob wir den von Maria oder Mariah (Carey) vermittelt bekommen, spielt dabei keine Rolle.



Eine Antwort zu “Kolumne: Von Popkultur als Religion.”

  1. Anna sagt:

    Hi Riccardo!
    Ich folge dir schon länger auf Instagram und liebe dich nicht nur für deine Fail-Videos, sondern auch für deine Extremität und deinem starkem Selbstbewusstsein. Gerade wenn ich in einer Phase bin, in der ich mich selbst am liebsten verkriechen würde, helfen mir deine Posts um mich wieder zu pushen und mehr an mich zu glauben.
    Diese Kolumne ist der erste Beitrag den ich von dir auf deiner Website lese, weil mich der kleine Ausschnitt den du davon in deine Insta-Story gepostet hast direkt angesprochen hat.
    Ich finde ihn so schön geschrieben und einfach so authentisch und nachvollziehbar, dass ich diesen Kommentar einfach schreiben musste…Auch wenn ich mich nicht direkt mit dir identifizieren kann (das kann wahrscheinlich niemand, weil du so einzigartig bist) ist das was du hier geschrieben hast so inspirierend. Nur durch das Lesen bekommt man Kraft und Glauben an sich selbst geschenkt, was bei mir noch nicht viele Texte geschafft haben.
    Also einfach nur danke und bleibe so wie du bist, obwohl du das ja von alleine schon machst 🙂
    Viele liebe Grüße, Anna <3

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