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Kolumne: Von schwulen Flüchtlingen und dem Licht am Ende des Tunnels.

Die vergangenen zwei Monate sind auch als Pride Month(s) bekannt – in dieser Zeit wird der Christoper Street Day auf der ganzen Welt gefeiert und ich habe das Gefühl, dass das Thema Homosexualität in allen Medien vertreten ist. Man spricht darüber, wie wichtig Gleichberechtigung ist und wie dankbar wir für die Länder sein sollten, in denen Homophobie zumindest aus politischer Sicht immer kleiner wird. So sehr ich das Ganze auch begrüsse, so schade finde ich es, dass mit dem Septemberanfang auch das Thema in den Medien abnimmt. Natürlich ist das Thema für die Menschen, die es betrifft anders zu beurteilen und täglich von Bedeutung, für die Medien ist aber erst mal alles gesagt und man widmet sich den Themen, denen man sich im September immer widmet – der Septemberausgabe der Vogue zum Beispiel.
Für jemanden, der das Thema Homophobie aber jeden Tag leben muss und es nicht für ein paar braune Overknee Stiefel in der neuen Fendi Kampagne überblättern möchte, ist das nicht nur ein wichtiges Thema den Sommer über, es bestimmt seinen ganzen Alltag und färbt sein Leben in einer Farbe ein, die bis heute den Regenbogen des CSDs überschattet.
Bevor ich anfing diesen Artikel zu schreiben, sass ich in einer Bar. Es läuft ein Britney Spears Remix von Work Bitch und ich unterhalte mich gerade mit fünf keine Miene verzerrenden PR Menschen an einem Tisch über den Einfluss von Social Media. Ich verschschwinde kurz auf die Toilette um wenigstens die letzten Sekunden des Songs gebührend zu feiern und treffe einen betrunkenen Mann. Trotz des Pegels, den er intus hatte (oder vielleicht gerade deswegen?!) schien er der einzige in dem Raum zu sein, der Britney die selbe Ehre erweisen wollte, wie ich und richtig tanzte. Als mein Meeting vorbei war und die Musik auf Elektro umschaltete, unterhielten wir uns ein bisschen – zuerst über Britney, dann über Musik und dann darüber dass er fast jeden Abend so betrunken sei. Er erzählte mir, dass das nicht immer so war und deute auf eine kaum auffallende, aber ziemlich grosse Narbe, die sich über seine komplette linke Gesichtshälfte zog. Sein Name war Dan und erzählte mir, dass er ein Syrischer Flüchtling sei und dass die Narbe in seinem Gesicht daher kommen würde, dass in seiner Universität eine Bombe explodiert wäre, die die Hälfte seines Gesichts abtrennte. Als ich ihn fragte, wie alt er sei, meinte er er wäre 26 Jahre alt, was mich total wunderte, da er viel älter wirkte. Dan erzählte mir, dass er jeden Abend so viel trinken würde, damit er sich seiner Gedanken nicht bewusst ist, wenn er einschläft. Die Narbe in seinem Gesicht ist nicht nur eine Erinnerung an den Tag an dem seine Universitätskarriere eine dramatische Wendung nahm, sondern auch der Tag an dem er mitansehen musste, wie seine besten Freunde ums Leben kamen. Er flüchtete in ein Land, in dem er keinen Krieg haben müsse und verliess dafür seine Familie. Nun an einem scheinbar sicheren Ort angekommen, erzählte er mir, dass er von ganz anderen Problemen heimgesucht wird. Wenn die Menschen, mit denen er flüchtete erfahren würden, dass er schwul wäre, würde seine Familie ihn verstossen und das wäre für ihn das schlimmste. Auf die Frage ob er nicht glauben würde, dass seine Familie, die immer noch im Kriegsgebiet wohnt, sich freuen könnte, dass er doch nun in einer Welt leben würde, die es ihm erlaubt zu sein, wer er ist, meinte er dass kein Krieg der Welt die Enttäuschung seiner Eltern verhindern könnte.
Eine Gesichte mit weniger Gewalt, aber nicht weniger Traurigkeit ist die Geschichte meines Freundes Sebastian. Sebastian kommt aus Italien und lebt in Berlin. Er lebt alleine und liess seine Familie in Italien zurück um in Berlin zu studieren, aber vor allem um mit seinem Freund Marco eine Beziehung führen zu können, die seine Familie nie dulden würde. Er liebt seine Familie, aber will sich auch nicht länger zurücknehmen und ein Mensch sein, der er nicht ist.

“Wenn die einzige Option ein Leben weit weg zu führen, die Liebe meiner Eltern und meiner Brüder aufrecht erhält, dann ist das ein Preis den ich wohl bezahlen muss“ 

… begründet er seine Entscheidung, die mich jedes Mal zu Tränen rührt und auch ein wenig an Arielle die Meerjungfrau erinnert, die sich um die Liebe ihres Lebens zu heiraten auch von ihrer Familie verabschieden muss.
Italien als katholischer Staat und Syrien als muslimisches Land mögen extreme Beispiele sein, aber schmerzerfüllte Biografien, die nur schmerzhaft sind, weil ihr Protagonist schwul oder lesbisch ist, lassen sich genauso in unseren Reihen finden. Ich erinnere mich an eine Email eines Fans von mir – Lisa ist ihr Name. Lisa kommt aus einem Dorf gar nicht weit weg von der Stadt, in der ich aufgewachsen bin und ist eigentlich ein total normaler Teenager gewesen bis sie sich in ein anderes Mädchen verliebte. Als sie es ihrer engsten Vertrauten erzählte – ihrer Mutter, brach ihre ganze Welt zusammen, als diese sie vor die Tür setzte. Nichts hatte sich verändert – ihre Noten waren genauso gut, wie vor ihrem Coming Out, ihre Garderobe sah genauso aus, wie immer nur die Tatsache, dass sie sich in ein Mädchen, statt in einen Jungen verliebt hatte, war anders und das soll reichen um ein anderer Mensch zu werden? Natürlich nicht und das dachten sich auch Lisas Nachbarn, die fast schon gesammelt mit Lisas Mutter sprachen um die Wogen zu glätten.
Auch wenn es nicht selbstverständlich ist, dass unser ganzes Dorf auf die Barrikaden gehen würde, nur um Gerechtigkeit wieder herzustellen, so ist es doch schön zu sehen, dass es sowas gibt. Akzeptanz für Menschen, egal wer sie sind, woher sie kommen oder wen sie lieben, sollte kein urbaner Grossstadt Mythos sein, den sich Teenager weltweit erzählen um ihr wahres Ich-sein immer in die Zukunft schieben zu können und denken zu lassen, sie könnten erst sein, wer sie sind, wenn sie weit weg sind, in einer grossen Stadt, es sollte selbstverständlich sein.
Homophobie mag zwar aus politischer Sicht immer kleiner werden und dafür sorgen, dass auch gleichgeschlechtliche Paare endlich heiraten dürfen, aber in den Köpfen vieler Menschen, ist sie präsenter, denn je. Unsere Sexualität und unsere Identität sind zwei Dinge, die nur uns selbst etwas angehen – manche von uns identifizieren sich mehr damit, manche weniger, aber egal ob wir auf überschäumende Weise ausdrücken wer wir sind oder wen wir lieben, haben wir das Recht dazu. Ich träume von einer Zeit, in der es nicht nur egal ist, zu wem man sich hingezogen fühlt, sondern in der man auch keine Angst davor haben muss sich dem zu bekennen. Es mag vielleicht noch eine Weile dauern, aber ich weiss, dass sie kommt und bis dahin sind die Geschichten von den Dans, Sebastians und Lisas dieser Welt, Erinnerungen daran, dass der Wille man selbst zu sein, alles bewegen kann und irgendwann jedes Leid in Licht wandeln wird, auch wenn das bedeutet, dass man manche Dinge hinter sich lassen muss.



Eine Antwort zu “Kolumne: Von schwulen Flüchtlingen und dem Licht am Ende des Tunnels.”

  1. Clara Bindi sagt:

    Tolle Kolumne!!! 🙂

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