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Kolumne: Von wachsenden Bärten und schrumpfendem Feminismus.

Ein Bart ist nur ein Bart müsste man meinen, aber in meinem Fall löst ein Bart auch eine Genderdiskussion aus, die dabei vor allem in mir selbst die Frage aufwirft „darf ich einen Bart haben und trotzdem meine feminine Seite ausleben?“
Als ich mir für ein Fotoshooting einen Bart wachsen lassen sollte, war ich gerade in Los Angeles und meine Freundinnen meinten ich sollte es mal ausprobieren. Richtig glatt rasiert war ich zwar nur für Events und Fotoshootings, aber bereits mit meinen 3 Tage Stoppeln, setzte das Phänomen ein: Komplimente, überall! Egal ob im Netz, auf der Straße oder in der Zeitung – es schien als hätte die ganze Welt nur darauf gewartet, dass ich mir einen Bart wachsen lasse.
Und versteht mich bitte überhaupt nicht falsch – ich hab mich jedes einzelne mal darüber gefreut, wenn jemand meinte ich würde mit Bart so attraktiv wirken – das war auch genau das, was ich gebraucht habe, denn jedes Mal, wenn ich den Spiegel schaute, sah ich da ein Gesicht, das nicht meines war. Zwischen den Komplimenten durfte ich dann pseudo-Komplimente lesen, wie „ja endlich siehst du aus wie ein Junge“ oder „ohne Bart fand ich dich nie wirklich hübsch, aber so mit Bart siehst du Hammer aus“. Natürlich ist das bestimmt lieb gemeint, aber unter dem Bart ist da immer noch das selbe Gesicht, das ich eigentlich immer richtig gut fand. Was soll ich jetzt also davon halten? Den Höhepunkt stellte dieser Kommentar da:

„also ich finde den Bart super. Früher sahst du aus als würdest du mit den schönen Mädchen konkurrieren wollen, die dich immer umgeben, was dir aber nie gelang, sondern immer ein bisschen peinlich wirkte, aber so mit Bart, zeigst du dass du ein Mann bist und das lässt dich super aus der Masse an schönen Mädchen rausstechen“

Unabhängig davon, dass es dabei um mich geht, frage ich mich warum es für viele Menschen kaum möglich ist ein Kompliment für meinem Bart zu formulieren ohne dabei auch gleich eine Frauenfeindliche Botschaft miteinzubringen. Wenn jemand meint ich würde männlicher aussehen mit Bart, stimme ich dem natürlich zu – und wenn jemand männlich besser findet, ist das auch ok, aber warum hat das zu bedeuten, das weiblich automatisch schlecht sein muss? Abgesehen davon, dass ich es nicht als weiblich empfunden habe, wenn ich keinen Bart getragen habe.
Ich stand mein Leben lang auf einer Seite. Der Seite des Feminismus, denn es war der Kampf, den ich täglich kämpfen musste. Als Junge mit femininen Zügen stellt man in der heutigen Gesellschaft nun mal das schlimmste da, was man(n) sein kann und warum? Weil Weiblichkeit automatisch Schwäche bedeuten soll.
Natürlich sehe ich das anders und wie anders habe ich in ellenlangen Texten und Interviews in den letzten fünf Jahren immer wieder erklärt. Dabei war mein Look, den ich zu Beginn meiner öffentlichen Karriere hatte natürlich ein wichtiger Bestandteil und man ist für viele Menschen ein Vorbild geworden. Ich fand es toll, dass ich als vermeintlich weiblicher Junge so vielen Jungs, die so sind, wie ich es bin ein Vorbild sein durfte und ich dachte auch, dass ich durch diesen Gedanken auch auf mein Umfeld ein positiveres Verständnis von Weiblichkeit im Allgemeinen und natürlich an Jungs vermittelt hätte, aber dann bekommt man Kommentare, wie den oben erwähnten aus den eigenen Reihen und man stellt sich die Frage – haben die Leute eigentlich jemals verstanden, worum es mir ging oder haben sie das nur als Phase abgetan, von der sie hofften, die sei jetzt vorbei, weil ich nun endlich zu meiner männlichen Seite gefunden hätte? Und das ist schließlich das einzige, das erstrebenswert zu sein scheint – ein Mann zu sein, der auch wie einer aussieht!
Natürlich reagiere ich ein wenig sensibel auf das Thema, aber wie ich schon sagte – ich stand mein Leben lang auf einer Seite und ich habe plötzlich das Gefühl, das mir diese Seite jetzt aberkannt wurde, bloß weil ich einen Bart habe. Und ich weiß einfach nicht, ob mir das gefällt.
Kann ich immer noch ich sein? Ist es immer noch wirkungsvoll und glaubhaft, wenn ich mich für die selben Werte einsetze? Kann ich immer noch Pailletten tragen?
Wie dumm es ist sich diese Fragen zu stellen, stelle ich spätestens dann fest, als ich sie geschrieben vor mir lese.
Der Job, für den der Bart kommen sollte ist längst geschossen – den Bart habe ich immer noch. Ich habe jeden in meinem Umfeld gefragt ob ich ihn lassen soll oder wieder abrasieren. Nahezu jeder meinte ich sollte ihn lassen und meine Mutter benutzt genau das als Argument. Die Mehrheit liebt ihn, wieso ihn also abrasieren? Ich war aber nie die Sorte die Mensch, die ihre Entscheidungen danach gefällt hat, was die meisten Leute gut finden. Ich wollte mir immer selbst gefallen, das hatte immer oberste Priorität für mich und am Ende darf ich feststellen, dass ich zwar jeden gefragt hatte, nur mich noch nicht – was mag ich denn?
Ich liebe mich. Mit oder ohne Bart, aber ich entdecke mich mit Bart gerade ganz neu und das macht Spaß. Zu viel Spaß um darauf zu verzichten, daher habe ich beschlossen jetzt Bartträger zu sein. Ich dachte mein Leben lang ich würde aussehen, wie ich aussehen soll, aber dann habe ich einen Bart und belehre mich eines Besseren. Was wenn das mein eigentliches Ich ist? Was wenn ich dazu bestimmt bin genau so auszusehen? Das alles hat mir gezeigt, dass es das wahre ich vielleicht gar nicht gibt, weil wir – wie alles auf der Welt- ständig in Bewegung sind und unser wahres Ich sich genauso ständig verändert. Wie lange mein Ich einen Bart tragen soll, kann ich nicht genau sagen, aber ich bin mir sicher es wird mir sagen, wann es an der Zeit ist wieder ohne auszukommen.
Ich wollte wissen ob sich wirklich etwas in meinem Leben ändern würde, wenn ich einen Bart trage und nach einem Monat kann ich sagen, dass sich vor allem eines geändert hat – meine Auffassung davon, wie Menschen Weiblichkeit wahrnehmen und wie schnell sie sie verurteilen und wer weiß, wenn ich es schon ohne Bart nicht geschafft habe, dass die Leute wirklich verstehen worum es mir dabei immer ging, klappt das ja vielleicht mit Bart. Einen Versuch ist es wert….
Photos by Martina Cyman, Mövenpick Hotel Hamburg 2017

Jacke – Vintage
Schuhe – Yves Saint Laurent
Brille – Acne
Hemd – Asos



3 Antworten zu “Kolumne: Von wachsenden Bärten und schrumpfendem Feminismus.”

  1. Doris Peterwinkler sagt:

    Hi Ricki, ich weiß, dass du von mir noch nicht viel (gar nix) gehört hast, nichts desto trotz folge ich dir auf Facebook – und lese immer wieder den dort verlinkten Block von dir.Identitätsfindung (kann man das in deinem Fall so sagen? Ich tu es einfach mal) – schwierig – und jeder, der sich ernsthaft zu finden sucht, nimmt einen oft steinigen Weg in Kauf. Mir gefällt Dein Bart – er zeigt eine neue, spannende Seite von Dir – warum dazu keine Pailletten tragen? Bist Du deshalb weniger feminin? Ich finde nicht, dass das so ist – ich empfinde Deinen Bart eher als Accessoire, ähnlich wie goldene Plattou- Schuhe (schreibt man das so?), oder eine glitzernde Handtasche – und Du kannst das alles tragen, hauptsache, du kannst dich damit identifizieren, hauptsache, dass es dich verkörpert. Es wird immer Menschen in Deinem Umfeld geben, denen es gefällt, ebensolche, denen es nicht gefällt. Was ich wichtig finde ist, dass Du (ich, jeder) sich so wohlfühlt, wie Du(ich, er) gerade unterwegs ist – je nach persönlichem Befinden (gibt ja auch bei jedem mal schlechte Tage – mal mehr mal weniger) Und nachdem Du fast mein Sohn sein könntest (vom Alter her mein ich) kann ich Dir sagen, dass sich das eigene Fühlen, das Gefühl für sein inneres Wesen, das innere Wesen selbst immer einem Wandel unterzogen ist – mal bin ich so, mal anders….. somit – mach einfach, wie es dir gefällt – versuche nicht anderen, deren Gedankenradius gegen Null tendiert und es dann Standpunkt nennen, erklären zu wollen, was du, wie du leben, wahrgenommen werden willst – es ist Zeitverschwendung – und alle anderen nehmen Dich war, sehr einfühlsam, intelligent und sensibel, sowohl sehr männlich als auch sehr feminin – eine feine Mischung, die mich immer wieder lesen lässt, was Dir so widerfährt, was Du so erlebst. Ganz besonders liebe Grüße aus Deiner Heimat, Doris P.

  2. Naemi sagt:

    Lieber Riccardo

    Mir persönlich gefällst du mit Bart rein optisch ebenfalls besser, dennoch finde ich, dass dieser Bart an dir als Person rein gar nichts ändert, deine feminime Seite kommt immer noch genauso gut wie vorher zur Geltung & ich finde es macht absolut keinen Unterschied ob du einen Bart trägst oder nicht ausser, dass es mir mit Bart auf den Fotos besser gefällt ?. Ich finde deine Einstellung zum Leben sooo beeindruckend & es tut so gut zu sehen wie du tag täglich einfach nur das trägst/ machst was Du möchtest & Lust drauf hast & dir die Meinung anderer, welche das nicht gut finden einfach an dir vorbei gehen lässt. Du bist so stark & bewundernswert & das mit deiner weiblichen Seite! Du bist der Beweis dafür das weiblich zu sein alles andere als eine Schwäche ist!! ♥️

  3. Merle sagt:

    Lieber Riccardo!
    Ich finde es unglaublich schrecklich, dass die meisten leute nicht aufhören können in Schubladen zu denken. Es ist doch völlig normal, nicht nur männlich oder nicht nur weiblich zu sein. Ich folge dir schon echt lange und bewundere dich für deine starke Persönlichkeit, deinen Charakter und deinen Style. So ein Bart sollte eigentlich gar nicht so beachtet werden, weil er dir wirklich steht und wenn er dir gefällt, dann ist ja auch alles gut. Danke, dass du so einen Mut zeigst!!

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