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Kolumne: Warum junge Menschen heute Internet Persönlichkeiten als Stars sehen.

Als ich neulich meinen Vormittag damit verbrachte ein zwei stündiges Interview am Telefon zu geben, hätte die Journalistin sicher nicht gedacht, dass sie den Namen Britney Spears mindestens genauso häufig hören würde, wie das Wort Instagram.
Das Thema des Interviews lautete wieso Junge Menschen heute eher Personen aus dem Internet als Stars sehen und keine klassischen Hollywood Ideale mehr und wenn man über das spricht, was wir heute alle posten, snappen und in die Welt hinausschicken ist der Name Britney Spears nämlich nicht wegzudenken, denn im Grunde haben wir es ihr zu verdanken diesen Job heute überhaupt machen zu können.
Das mag sich vielleicht ein bisschen hochgestochen anhören – wie soll der Popstar der 2000er so viel Einfluss haben auf das Verhalten von Bloggern im Jetzt?! Aber der Moment, in dem Britney Spears sich öffentlich die Haare abrasiert hat (16.2.07 um genau zu sein … ganz nebenbei mein Geburtstag), als Höhepunkt für die Paparazzi Ära von Lindsay Lohan und Paris Hilton, ist der Grund wieso Stars heute langweilig sind.
Das war der Moment, in dem man verstanden hat, was passiert, wenn man zu viel von sich Preis gibt und sein Privatleben öffentlich macht und seit dem Stars viel mehr darauf achten, was sie zeigen und was nicht.
Hinzu kommt das Zeitalter des Internets, in dem sich heute jeder zu einem Richter erklärt und willkürlich Urteile fällt über alles und jeden. Der Unterschied zwischen seine Meinung sagen und Hass in die Welt hinaus posten, ist dabei oft so verschwindend gering, dass man das Gefühl haben könnte, als wäre Hate die Lieblingsbeschäftigung der Leute.
Klassische Stars haben heute viel zu viel Angst eine Meinung zu formulieren oder generell anders zu sein, weil die Leute es mehr denn je lieben, sich darüber aufzuregen und nur darauf warten, dass man etwas sagt, das zerissen werden kann. Harmlose Witze werden sofort haargenau unter die Lupe genommen, das ändern einer Frisur sofort mit Rassismus in Verbindung gebracht und wenn man dann eine politische Meinung formuliert, braucht man die Sekunden zum Shitstorm eigentlich nur abzählen. Umso weniger man aneckt, umso weniger man politisch (und damit meine ich nicht sich für Politik einsetzen, sondern für Werte zu stehen, die einem was bedeuten) wird und irgendeine Form von Persönlichkeit zeigt, umso weniger wird man angefeindet. Das lustige dabei ist, dass die meisten Menschen gar nicht merken, dass die wenigsten Stars dabei wirklich Einblick in ihr Privatleben geben, weil man das Gefühl hat durch Social Media dabei zu sein. Beyoncé ist dafür das beste Beispiel – sie ist der erfolgreichste Popstar des Moments und zählt auf Instagram zu den meist gefolgten Menschen der Welt – irgendwas darüber wissen, wie Beyoncé aber wirklich lebt, weiss niemand, weil die Einblicke, die sie gibt, immer sehr ausgewählt sind.
Dass Kim Kardashian und ihre Familie dabei mit dem gegenteiligen Verhalten explodieren und gefühlt jedes Familienmitglied eine eigene Sendung bekommt, ist eigentlich nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Leute aber wissen wollen, wie das Leben solcher Menschen wirklich aussieht, ansonsten bekommt man aber kaum eine Vorstellung davon. Früher dokumentierten Paparazzi in Klatschmagazinen den Lebensstil der It Girls, man wusste so viel über diese Menschen, weil sie ständig neue Geschichten und Bilder lieferten. Heute machen das Menschen mit Social Media und sind dabei oft viel authentischer und zeigen viel mehr, als Stars früher. Paparazzi begleiteten die Stars zum Club oder zum Restaurant, was darin passierte, weiss niemand.
Mit Snapchat bekommen die Leute heute einen rund-um Einblick und wissen genau was im Restaurant passiert. Das ist interessant, weil es einen Lebensstil widerspiegelt, den vielleicht nur wenige Menschen haben können, aber mit dem sich viele identifizieren können. Ganz genau wie früher mit klassischen Stars eben. Außerdem ist auf Kontent verlass. Wer mit Social Media arbeitet ist sich seiner Posting Pflicht bewusst. Das wird nicht mal eben vernachlässigt, weil das Privatleben dazwischen funkt.
Hinzu kommt die Tatsache, dass man im Internet selbst entscheiden kann, wem man folgt. Früher war man darauf angewiesen zu sehen, wer zu sehen war, das muss man heute nicht mehr. Wer keine Lust hat nur dünne, blonde Mädchen zu sehen, kann einfach Leuten folgen, die ein alternatives Schönheitsideal darstellen. Wer Humor sehen will, folgt lustigen Menschen. Jeder kann selber entscheiden was er sehen will und man muss nicht einfach blind akzeptieren, was der Sender vorgibt, man kann den Kanal selber wechseln und Stars dieser Kanäle sind die Protagonisten der Instagram Profile, die genau das tun, was Stars mit Hilfe von Paparazzi früher gemacht haben – sie leben ihr Leben öffentlich und weil klassische Stars das aber nicht mehr tun, nehmen diese Menschen oft eine Vorbildfunktion für andere ein, auch weil das noch der einzige Ort ist, an dem man eine Meinung, eine Persönlichkeit und Werte unzensiert vertreten kann.
Womit wir auch wieder zum Lieblings Thema kommen – Hate. Denn ähnlich, wie bei Britney sieht man, dass es auch bei Leuten, die aus dem Internet kommen immer schwieriger wird Persönlichkeit zu zeigen, weil auch da alles genauestens unter die Lupe genommen wird und man nur darauf wartet der Person entflogen zu können, weil sie einen Fehler gemacht hat. Dass man dabei selber vielleicht nur auf der Couch sitzt und gar nichts tut, spielt keine Rolle. Man fühlt sich überlegen und das wird dann auch mitgeteilt mit Hilfe von einem ellenlangen Kommentar, der nicht darauf hinweist, dass jemand was falsch gemacht hat, sondern nur zeigen soll, dass man selber besser ist.

Humor verschwindet, weil alles ernst genommen wird und Persönlichkeit ist schon lange nur noch eine vage Erinnerung. Alles wird glatt und langweilig – weil Menschen das durch ihren Hass so einfordern.

Ich habe neulich einen Witz auf meiner Facebook Seite gepostet, nach einer Begegnung mit Supermodel Naomi Campbell, die sich für mich anfühlte, wie ein Nahtoderlebnis (weil ich fast gestorben bin vor Aufregung). Daraufhin antwortete jemand:

“Echt jetzt? Was los mit Dir? So schlimm find ich die gar nicht. Bist Du nicht -gegen- bodyshaming?“

Begriffe, die eigentlich total wichtig sind, wie Bodyshaming, Rassismus und Sexismus werden einfach willkürlich benutzt und verlieren dadurch komplett an Bedeutung, weil die Menschen einfach nur darauf warten einen damit zu kritisieren. Es gibt tausende Diskussionen zu Cultural Appropriation, weil Kylie Jenner cornrows trägt oder die weiße Katy Perry Musik macht, die “wie die von schwarzen klingt“- das alles hilft aber nicht Rassismus kleiner zu machen, sondern versucht nur wieder Unterschiede zwischen Menschen hervorzuheben und dabei wird das Thema, um das es eigentlich geht und das so wichtig ist, komplett in den Hintergrund gerückt.

Das Bedürfnis Leute fertig zu machen ist irgendwann größer geworden, als die Faszination, die man für den eigentlichen Wert einer Sache übrig hatte.

Das hat Popkultur schon so viel an Kreativität und Fantasie gekostet. Wenn das mit dem Hass so weitergeht, wird es auch im Internet immer schwieriger Werte und Persönlichkeit zu zeigen. Statt alles und jeden fertig zu machen, für das, was er oder sie tut oder eben nicht tut, sollten wir es vielleicht mal anders versuchen. Statt Musiker dafür zu hassen sich nicht für Rassismus einzusetzen, sollten wir Leute unterstützen, die es tun. Statt alle Leute zu beschimpfen und sie zu verachten, weil ihr Verhalten falsch ist, sollten wir es als unsere Aufgabe sehen andere aufzuklären. Wir müssen lernen, dass eine Meinung zu formulieren nicht bedeuten darf die andere Person fertig zu machen, was gerade in der Anonymität des Internets eine große Herausforderung ist, aber vor allem müssen wir aufhören zu glauben, dass es unser gutes Recht ist ist zu hassen, denn genau das ist der Grund dafür warum die Welt gerade so aussieht, wie sie es tut.

 

Photos by Jana Schuessler, Berlin 2017



2 Antworten zu “Kolumne: Warum junge Menschen heute Internet Persönlichkeiten als Stars sehen.”

  1. Klemens sagt:

    Sehr gute Kolumne, Ricardo!

  2. Marina sagt:

    Vielen lieben Dank für deine ehrlichen Worte! ich schreibe gerade an meiner Bachelorarbeit mit dem Thema ,,Faszination Snapchat“ und dabei kam deine Kolumne gerade wie gerufen!❤️

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